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Kavallerieverein Dübendorf

Wie funktioniert die Thermoregulation beim Pferd?

Text: Anna Castronovo

Der innere Ofen

Das ist schon schwer: Wir Menschen bibbern und frieren, der erste kalte Wind weht uns ins Gesicht – und trotzdem muss das eigene Pferd nicht eingedeckt werden? Stimmt. Eigentlich ist das nicht nötig, denn Pferde haben ein völlig anderes Temperaturempfinden als wir Menschen und können sich klimatischen Veränderungen bestens anpassen. Sie können sich durch eine erhöhte Stoffwechseltätigkeit warm halten und ihre Blutzirkulation sowie die Herzfrequenz steuern: Bei Kälte verlangsamt sich der Herzschlag und die Gefäße ziehen sich zusammen. Dadurch dringt weniger Blut an die Körperoberfläche und es geht weniger Wärme verloren. Hat das Pferd ein dichtes Winterfell, kann es außerdem die Deck- und Unterhaare aufstellen, wodurch ein isolierendes Luftpolster entsteht. Der Haarstrich und ein natürlicher Fettfilm sorgen außerdem dafür, dass Feuchtigkeit abfließt und das Wollhaar schön trocken bleibt.

Bei warmen Temperaturen kann sich das Pferd über seine Schweißdrüsen abkühlen, durch die Atemluft bis zu 20% seiner Körpertemperatur abgeben und sogar durch das Gewebe Wärme im Körper transportieren (Konduktion). Dieser ausgeklügelte Mechanismus heißt Thermoregulation.

Die Komforttemperatur von Pferden liegt zwischen -15 und +25 Grad Celsius, wobei das Optimum bei 5 Grad liegt – also deutlich unter den Temperaturen, die von uns Menschen noch als angenehm empfunden werden. „Komforttemperatur bedeutet, dass der Stoffwechsel des Pferdes in diesem Bereich ideal läuft“, erklärt Sandra Löckener vom Tierschutz-Team des Veterinärwissenschaftlichen Departments der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Erst bei sehr niedrigen Temperaturen beginnen Pferde durch eine beschleunigtere Stoffwechselregulation für mehr Körperwärme zu sorgen. Wann genau das Pferd mit der Steuerung beginnen muss, ist individuell und hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie zum Beispiel von der Dichte des Felles, den vorhandenen Fettpolstern oder der Witterung. Dieser Regulationsmechanismus funktioniert, sinnbildlich ausgedrückt, wie in einem Ofen“, erklärt Löckener. „Nahrung wird in körpergerechte Substanzen umgewandelt, also verbrannt. Dadurch entsteht Wärme. Für diese erhöhte Stoffwechselaktivität ist es wichtig, dass Pferde bei kalten Temperaturen mehr Raufutter zur Verfügung haben.“

Normalerweise wird Wärme hauptsächlich durch die Muskulatur erzeugt. Dabei kann die Wärmeproduktion unter Belastung bis zu 60 mal höher sein als in Ruhe. Das funktioniert durch normale Bewegung, aber auch durch das sogenannte Kältezittern. „Das Zittern aktiviert die Muskeln und diese erzeugen Wärme“, erklärt Löckener. Friert das Pferd, wenn es zittert? „Die Körpertemperatur ist dann auf jeden Fall zu niedrig“, sagt die Wissenschaftlerin. „Auch der Stoffwechsel läuft auf Hochtouren, denn das Zittern verbraucht immerhin vier Fünftel der gesamten Stoffwechselenergie. Da sollte man sich schon überlegen, ob man das einem Pferd zumuten will. Bei Tieren, deren Organismus aus anderen Gründen, wie zum Beispiel einer Stoffwechselstörung, einer Krankheit oder aufgrund des Alters so belastet ist, dass er die Thermoregulation nicht mehr reibungslos bewältigen kann. Und natürlich bei Pferden, die kein dichtes Winterfell haben.

Auch Pferde mit langen Beinen sind im Nachteil, da sie eine größere Körperoberfläche haben als etwa gedrungene Ponytypen. „Ansonsten kommen gesunde Pferde aber wunderbar ohne Decke über den Winter und es ist grundsätzlich auch gesünder, nicht einzudecken“, sagt sie.

Thermotraining und Arbeit anpassen

Wer sein Pferd nicht eindecken will, sollte wissen: Die Thermoregulation muss täglich trainiert werden. „Wird ein Pferd nicht eingedeckt, muss es regelmäßig Klimareizen ausgesetzt werden, zum Beispiel durch täglichen Koppelgang. Steht ein Pferd dagegen nur im warmen Stall, funktionieren die Regulationsmechanismen nicht mehr. Das Immunsystem ist dann schnell überfordert, wenn es plötzlich Kälte ausgesetzt wird.“ Deshalb soll die Stalltemperatur der Außentemperatur folgen und lediglich Extreme abmildern. Ebenfalls wichtig: Das Pferd muss immer die Möglichkeit haben, sich durch Bewegung selbst warm zu halten und Schutz vor Regen und Wind zu suchen.

Auch die Arbeit sollte bei nicht eingedeckten Pferden angepasst werden. Die Rückenmuskulatur braucht mitunter länger, bis sie warm wird, das heißt, das Tier kann beim Reiten etwas steifer beziehungsweise klemmiger als sonst sein. Deshalb sollte mit einer langen Schrittphase begonnen werden. Das Training darf nicht zu intensiv sein, damit das Pferd mit seinem dicken Fell nicht extrem schwitzt, und auch die Abkühlungsphase muss entsprechend ausgedehnt werden. „Haut und Unterfell sind jedoch häufig schon nach 5 bis 10 Minuten wieder trocken und mit Hilfe einer Abschwitzdecke kann man dann auch die Feuchtigkeit vom Deckhaar abtrocknen“, sagt Löckener. Wichtig: Das feuchte Pferd keiner Zugluft aussetzen!

Das Fell unter dem Solarium zu trocknen, ist allerdings keine gute Idee. Denn: „Wenn dieses zu warm eingestellt ist, steigt die Körpertemperatur an und der Organismus versucht, die höheren Temperaturen durch Schwitzen wieder herunterzukühlen – dadurch dauert der Trocknungsprozess aber noch länger“, erklärt sie.

 

Quelle: https://www.mmagrar.de

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